Lehrstuhl Prof. Dr. Nassehi
print

Links und Funktionen

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Lehrveranstaltungen

Wintersemester 2016/2017

Vorlesungen:

Vorlesung: "Einführung in die Soziologie"
Prof. Nassehi
Montag, 10.00 – 12.00 Uhr, HG, Audi Max (A030)

Einführungen sind schwierige Veranstaltungen, für alle Beteiligten; für die Studierenden, weil sie eigentlich schon alles wissen müssten, um die Einführung zu verstehen, und für den Dozenten, weil der ja meist nur soziologisch reden kann, was seine Studis ja erst noch lernen sollen. Der Veranstalter verspricht also, mit aller Behutsamkeit vorzugehen und nicht einfach nur braves Lernen von Begriffen anzuregen, sondern einen Eindruck davon zu vermitteln, was sich im eigenen Kopf ändert, wenn man die Welt nicht mehr bloß alltäglich sieht, sondern mit Hilfe soziologischer Begriffe, Theorien und Methoden. Es handelt sich um eine Vorlesung mit Frage- und Diskussionsmöglichkeit.

Die Vorlesung wird durch Übungen ergänzt, in denen der Stoff vertieft und erläutert wird und in denen auch die Möglichkeit besteht, nicht nur zu beginnen, Soziologie zu studieren, sondern auch das Studieren zu studieren.

Vorlesung: "Forschungsgebiete der Soziologie"
Prof. Auspurg, Prof. Brüderl, apl. Prof. Gill, Prof. Lessenich, Prof. Nassehi, Prof. Villa, Prof. v. Unger
Dienstag, 12.00 - 14.00 Uhr, HG, R. B006 

Analog zu dem in Seminar und Übung konzipierten soziologischen Umgang mit dem Theorienpluralismus des Faches werden in der Vorlesung unterschiedliche Forschungsperspektiven der Soziologie im Hinblick auf ihre theoriegeleitete Perspektive und das theoretische Grundverständnis ihrer empirischen und diagnostischen Forschungspraxis dargestellt.

Seminare:

Seminar: "Geld"
Prof. Nassehi, Dr. Saake
Mittwoch, 10.00 - 12-00, IfS, R. 309

Geld schafft Ungleichheit. Wer darüber nachdenkt, welche Rolle Geld in unserer Gesellschaft spielt, wird seine Bedeutung vermutlich gleichzeitig überschätzen und unterschätzen. Für ungleichheitstheoretische Perspektiven auf die Gesellschaft stellt die ungleiche Verteilung einen Skandal dar, aus einer differenzierungstheoretischen Perspektive ist es schwierig zu beschreiben, wie sich die ungleiche Verteilung von Geld auf andere als ökonomische Kontexte fortsetzt.
Geld reguliert Knappheit. Um verstehen zu können, warum sich Geld als Kommunikationsform so bewährt hat, muss man aber auch wissen, welche Funktionalität Geld enthält. Wieso ist Knappheit eigentlich ein Problem? Was macht Geld mit der Knappheit? Wie formieren sich die Akteure eines Marktes? Wie beobachtet die Ökonomie die Gesellschaft?
Wir werden uns in diesem Seminar zunächst weniger mit einer Kritik des Geldes beschäftigen, dafür mehr mit der Frage danach, warum Geld als Medium so erfolgreich ist. Im Anschluss daran lässt sich dann gut fragen, was man mit Geld noch alles regulieren kann, aber auch welche Alternativen es zu Geld gibt.

Seminar: "Ein Unterschied um’s Ganze? Soziologische Perspektiven auf Differenzen"
Prof. Nassehi, Prof. Villa
Montag, 12.00 - 14.00, IfS, R. 309

Differenzen sind im Alltagsverständnis selbstverständlich: Geschlecht, Alter, Schicht/Klasse, Kultur ... Allerlei Unterschiede zwischen den Menschen, und sich auf diesen bildende Gruppen scheinen klar. Lebensweltlich werden Differenzen zudem moralisiert, politisiert, und ästhetisiert – sie können Gewalt begründen bzw. legitimieren, den Konsum ankurbeln oder als besonders wohlschmeckend erlebt werden.
Wie thematisiert die Soziologie – in all ihrer internen Differnziertheit – wiederum Differenz? Dieses Seminar will unterschiedliche soziologische Perspektiven auf ‚Differenz’ nachvollziehbar und diskutierbar machen. Vor allem wird es zeigen, dass die Soziologie ihre Möglichkeiten unterschreitet, wenn sie Differenzen nur auf die alltagsplausiblen "sozialen" Differenzen bezieht und Differenzen von Wertsphären, Funktionen und Problemlösungskapazitäten bezieht. Dabei wird es darum gehen, wie Differenz in der Soziologie jeweils (z.B. post-strukturalistisch, systemtheoretisch, praxeologisch usw.) begründet, theoriearchitektonisch und empirisch verstanden sowie u.U. bewertet wird. Es wird sich zeigen, dass sich aus den unterschiedlichen theoretischen und empirischen Perspektiven ganz unterschiedliche Fragen ergeben.

Seminar: "Die Praxis der Tiermedizin"
Dr. Saake
Mittwoch, 18.00 - 20.00, IfS, R. 309

In der Praxis der Tiermedizin bündeln sich typische gesellschaftliche Diskurse. Es geht um die tierärztliche Versorgung von Haustieren, aber auch um die Nutzung von Tieren als Lebensmittel. Im Unterschied zur Humanmedizin geht es in der Tiermedizin regelmäßig auch darum, den Tod des Tieres herbeizuführen oder das Sterben zu überwachen. Und während einerseits überproportional mehr Frauen in die Tiermedizin gehen, um später einmal eine Tierarztpraxis zu führen, klagen Vertreter der Landwirtschaft darüber, dass ihnen die kräftigen Tierärzte fehlen, die die Nutztiere behandeln wollen. Wie formiert sich eine medizinische Profession unter diesen Bedingungen? Wie ist man früher mit diesen Diskrepanzen des tiermedizinischen Alltags umgegangen, wie macht man es heute?
Diesen Fragen werden wir in diesem Seminar nachgehen. Da es noch wenig Literatur zum Thema gibt, werden wir zum Teil explorativ vorgehen und am Beispiel der Humanmedizin entlang den professionssoziologischen Diskursen folgen.

Seminar: "Zur Soziologie der Ethnizität – Rekonstruktion und Aktualität eines Vergemeinschaftungskonzepts"
Dr. May
Montag, 10.00 - 12.00, IfS, R.109

„Ethnizität“, erstmalig systematisch in den 1940er Jahren von W. Lloyd Warner in seinem Buch „The Social Systems of American Ethnic Groups“ eingeführt, ist ebenso, wie z.B. die Kategorie des Geschlechts, ein Merkmal zur Erzeugung und Charakterisierung von sozialen Gruppen. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wird anhand unterschiedlicher Kriterien festgelegt, am häufigsten durch Sprache, Geschichte, Herkunft Religion usw. Die ethnischen Unterschiede, bzw. die Ethnizität sind vollständig durch Sozialisation erlernt. Ethnizität bezeichnet also nichts Angeborenes, sondern ist ein …. soziales Phänomen, das über die Zeit produziert und reproduziert wird. (Giddens)
Jeder Ethnizität geht ein Prozess der ethnischen Vergemeinschaftung voraus, d.h. es wird sich aktiv, auf der Basis von historischer Verwurzelung und Kontinuität mit der Vergangenheit, damit auseinandergesetzt, was man mit anderen gemeinsam hat. Man schafft bewusst ein „Wir“ und „die Anderen“ und grenzt sich durch Gemeinsamkeiten von seiner Umwelt ab. Die Ethnizität kann also eine zentrale Bedeutung für die jeweilige persönliche und soziale Identität haben, wobei sie das trotz Zugehörigkeit zu einer Ethnie nicht zwingend haben muss. Zentral bei ethnischer Vergemeinschaftung ist der Glaube an eine gemeinsame Abstammung unabhängig davon, ob diese biologischer Natur ist (Weber). Ethnizität wird durch selbst-bewusste und oder von Fremdzuschreibungen konstruiert. Im Zuge dessen wird zwischen Selbstethnisierung und Fremdethnisierung unterschieden. Fremdethnisierung beschreibt die Etikettierung bzw. Diskriminierung einer Gruppe, oder einer der Gruppe zugehörigen Personen auf Grund ihr zugeschriebener minderwertiger vermeintlich ethnischer Merkmale. Selbstethnisierung (doing ethnicity) hingegen bezeichnet die wechselseitige Unterstützung und Belebung einer Gruppenkultur mit dem Ziel, die eigene Gruppe und ihre ethnische Kultur zu stärken. Bei genauerer Betrachtung von Ethnizität wird deutlich, dass sie neben dem kollektivierenden Aspekt in Bezug auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, auch durchaus einen individualisierenden Aspekt besitzt. Durch die Zugehörigkeit zu mehreren Ethnien, entsteht eine Überschneidung sozialer Kreise, die zu einer für jeden Menschen spezifischen Kombination führt. Auch die Zugehörigkeit zu lediglich einer bestimmten Ethnie kann dem Individuum schon das Gefühl geben, etwas Einzigartiges zu besitzen und somit essentiell seine Biographie beeinflussen. Nebenbei bietet die Ethnizität die Chance Entfremdungsgefühlen und der Pluralität der Gesellschaft gegenüber zu treten, da sie durch das Abstammungsgefühl und den Herkunftsglauben, erstens eine Konstante bildet, und zweitens durch die Abgrenzung zur Umwelt Komplexität reduziert. Das Seminar unternimmt nun den Versuch, sich mit unterschiedlichen „Klassikern“ der Soziologie, insbesondere Max Weber, Emile Durkheim und Norbert Elias zunächst einen genaueren Überblick über die soziologischen Beschreibungen der Ethnizität zu verschaffen. In einem zweiten Teil des Seminars wird es dann darum gehen, die unterschiedlichen Anschlussformen in der politischen Soziologie genauer zu diskutieren – von den Konzepten multikulturell- multiethnischer Gemeinschaftsbildungen bis hin zu Konzeptionen religionssoziologischer Gemeinschaftstypologien.

Seminar: "Sinn als Grundbegriff der Soziologie?"
Dr. Müller
Mittwoch, 16.00 - 18.00, IfS, R. 209

Am Sinnbegriff kommt man in der Soziologie nicht vorbei. Seit ihren Anfängen hat sich die Soziologie, ob bei Max Weber oder George Herbert Mead, bei Alfred Schütz oder Niklas Luhmann, bei Jürgen Habermas oder Pierre Bourdieu, auf die Suche nach Sozialem Sinn gemacht. Gleichzeitig aber ist kaum ein soziologischer Grundbegriff so missverständlich und uneindeutig und vor allem so häufig kritisiert worden wie der Sinnbegriff. Was wird damit eigentlich bezeichnet? Wozu braucht ihn die Soziologie? Was ist sein Gegenteil? Was genau macht das Soziale des Sozialen Sinns aus? Und ist der Begriff nicht überhaupt ein Relikt des 19. Jahrhunderts? All das sind Fragen, denen sich dieses Seminar eingehend widmen möchte. Es richtet sich an Studierende, die ein Interesse an methodologischen Fragen mitbringen und sich durch die Lektüre schwieriger, zum Teil fachfremder Texte nicht abschrecken lassen.

Übungen:

Übung: "Pierre Bourdieu: Eine Theorie der Felder"
Dr. Saake
Freitag, 12.00 - 14.00, IfS, R. 309

Wenn Pierre Bourdieu gesellschaftliche Felder unterscheidet, dann schließen sich hieran detaillierte Studien zu diesen einzelnen Feldern an. In der Übung sollen möglichst viele dieser Felder vertiefend behandelt werden. Es geht dabei nicht nur um das theoretische Argument, sondern auch um seine empirische Herleitung.
Ziel der Übung ist es, die Bourdieusche Theorie der Felder sowohl auf ihre Ähnlichkeit zur Systemtheorie hin zu befragen als auch ihre Besonderheit als „linke“ Theorie der Emanzipation herauszuarbeiten.

Übung: "Martha Nussbaum: Politische Emotionen"
Dr. Saake
Freitag, 10.00 - 12.00, IfS, R. 209

In dieser Übung werden wir Ausschnitte aus dem aktuellen Werk von Martha Nussbaum lesen. Wir werden uns zunächst mit ihrem Capability Approach auseinandersetzen, aber uns dann vor allem dafür interessieren, welchen Zugang Martha Nussbaum zum Thema Gefühle wählt. In wunderschönen Beispielen rekonstruiert sie alltägliche Semantiken unseres Umgangs mit Ungleichheit, mit Hilfebedürftigkeit, die sie wiederum für Fragen der Gerechtigkeit und der politischen Gestaltungsbedürftigkeit der modernen Gesellschaft nutzt.
Für eine soziologische Beobachtung ist Nussbaums Studie zu „politischen Emotionen“ deshalb besonders interessant, weil sie darin immer wieder die Frage nach symmetrischen und asymmetrischen Formen der Teilhabe diskutiert. Wir werden gemeinsam versuchen herauszufinden, welche Symmetrien sie voraussetzt und plausibel findet und welche nicht.

Übung: "Faktizität und Geltung“: zur Rechtstheorie von Jürgen Habermas"
Dr. May
Montag, 10.00 - 12.00, IfS, R. 209

In Kants philosophischem Entwurf „Zum ewigen Frieden“ von 1795 steht der berühmte Satz: „Das Problem der Staatserrichtung ist, so hart wie es auch klingen mag, selbst für ein Volk von Teufeln (wenn sie nur Verstand haben) auflösbar ...“ hundertfünfzig Jahre zuvor hatte Thomas Hobbes den logischen Raum skizziert, in den auf die eine oder andere Weise die Staatstheorien der Neuzeit ihre Auflösungen eintrugen: die Annahme eines vorstaatlichen Sozialvertrages als des wechselseitigen Verzichts aller auf die schrankenlosen Freiheiten eines Naturzustandes, der jedermanns Willkür so zuließ, wie er sie gerade deshalb durch die jedes anderen bedrohte. Die Instanz, die diesen allseitigen Freiheitstausch um des allseitigen Vorteils willen zu verwalten und zu bewahren hat, ist der Staat; das Medium, in dem er dies tut, das Recht, nämlich, wie es bei Kant heißt, „der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann.“
Im Gegensatz zu Hobbes ist dies für Kant allerdings noch keine Legitimation staatlicher Macht. Wohl kann der hemmungslose Egoismus aufgeklärter Teufel die Staatsgründung rational plausibel machen. Aber der Staat muss zugleich die Möglichkeit seiner Anerkennung aus moralischen Gründen sicherstellen. Denn nur dann gewährleistet er neben dem geschützten Bereich äußerer Willkür auch den der inneren Autonomie des einzelnen.
Damit war einerseits die funktionale äußere Trennung, andererseits der untergründige innere Zusammenhang von Recht und Moral fixiert. Das bloße befolgen der Gesetze, sagt Kant, ist vor den Kriterien der Moral bedeutungslos; nur widersprechen darf es ihnen nicht. Der Staat stellt seinen Bürgern die Motive ihres Gesetzesgehorsams frei. Aber er muss neben der kalkulierenden Furcht vor Sanktionen auch das moralische Motiv der freien Anerkennung ermöglichen. Kurz: Er muss seine Legalität vor dem Gerichtshof der praktischen Vernunft legitimieren. Hiermit war eine neue Bühne aufgeschlagen für das ewige Wechselspiel von Macht und Gerechtigkeit, von Faktizität und Geltung des staatlichen Rechts.
Kants Strategie ist für Habermas jedoch nicht mehr umstandslos verfügbar. In ihrem theoretischen wie in ihrem moralisch-praktischen Modus hat sich die „Vernunft“ im nachmetaphysischen Zeitalter einer entzauberten Welt zurückgezogen in die prozeduralen Bedingungen der Erzeugung vernünftiger Sätze. Dies ist seit langem die bekannte prinzipielle Pointe der Habermasschen Theorie. In den quaisontologischen Strukturen des verständigungsorientierten Kommunizierens selbst, in den „idealisierenden kontrafaktischen“ Unterstellungen, die jeder Diskursteilnehmer unvermeidlich machen muss, sitzt die letzte sedes materiae der neuzeitlichen Vernunft. Dies ist für Habermas der faustische Stoff, der zwar nicht die physische, wohl aber die soziale Welt in ihrem Innersten zusammenhält. Folgerichtig löst sich daher der Kantische Vernunftrechtsbegriff in einen diskurstheoretisch fundierten auf.
Die Strategien der Rechtsbegründung können daher nicht mehr unvermittelt ein Kriterium der normativen „Richtigkeit“ aus dem Inneren der reinen praktischen Vernunft gewinnen. Die Legitimationsfrage an das Recht wird umadressiert an die Bedingungen seiner Erzeugung. In allen drei Fundierungsdimensionen des Rechts - die moralische, die sozialintegrative und die pragmatisch-politische - wirft dieses theoretische Apriori Licht und Schatten seiner Konsequenzen. Kein monologisches Subjekt, das die Maximen von Handlungen auf ihre Universalisierbarkeit befragt, kann die moralischen, kein aufgeklärt-paternalistischer Souverän kann die sozialethischen, kein sachlicher Systemimperativ kann die pragmatischen Elemente einer Rechtsnorm alleine beglaubigen.
Die Übung wird in einer präzisen Lektüre des rechtstheoretischen Hauptwerks von Jürgen Habermas, seiner Schrift „Faktizität und Geltung“, diese diskurstheoretische Begründung des Rechts soziologisch gegenlesen und diskutieren.

Übung: "Praxis als intersubjektives und relationales Verhalten – zur Aktualität des Werks G. H. Meads"
Dr. May
Mittwoch, 10.00 - 12.00, IfS, R. 209

George Herbert Meads Stellung als Klassiker der Sozialtheorie steht außer Frage. Auf der anderen Seite findet man eine Menge Anschlusstheorien, die sich nur sehr unterkomplex oder willkürlich auf sein Werk zu beziehen scheinen.
Ein konsequentes, lebendiges Interesse an ihm gibt es kaum – so ist beispielsweise das 1984 im Suhrkamp-Verlag erschienene Buch „Das Problem der Intersubjektivität“, das (kritische) Beiträge zum Werk Meads enthält, noch immer in erster Auflage erhältlich.
Dagegen gehen wir davon aus, dass Mead einen der ersten und vielleicht bislang unerreichten Versuche vorgelegt hat, die soziologische Metaphysik des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft zu erläutern – gleichsam eine Propädeutik moderner Sozialtheorie. Während der Symbolische Interaktionismus, mit seiner problematischen Verarbeitung Meads Gedankenguts, womöglich eine Teilschuld an Meads geringer Popularität trägt, kann uns eine gründliche Lektüre seines originären Werks helfen, soziologische Perspektiven der Gegenwart, wie die Theorie des kommunikativen Handelns, die Systemtheorie, ANT, New Materialism und weite Bereiche der Praxistheorie(n), besser zu verstehen.
Deshalb bieten wir ein Seminar an, das sich mit Meads Primärliteratur, aber auch Meads eigenen Vorbildern, v.a. John Dewey und Alfred North Whitehead, auseinandersetzt, um einen erweiterten, klareren Blick auf diese Sozialtheorien zu erhalten.
Insbesondere wollen wir prüfen, ob Meads Konzepte und Überlegungen für gegenwärtige Fragestellungen in Theorie und empirischer Forschung nicht gewinnbringender und aktueller sind, als es seine bisherige Rezeption vermuten lässt.

Übung: "Einführung in die Rechtssoziologie"
Dr. May
Mittwoch, 12.00 - 14.00, IfS, R. 209

Als Grundlagenfach soll die Rechtssoziologie zu einem besseren Verständnis des Phänomens „Recht“ beitragen. Die Einübung des soziologischen Blicks ermöglicht es, einen Schritt zurück zu treten um einen distanzierteren Blick auf das zu werfen, was passiert, wenn im und durch Recht geurteilt, Recht gesprochen, verteidigt und verhandelt wird. Das positive Recht, also etwa die Normen des Bürgerlichen Gesetzbuchs oder des Strafgesetzbuchs, und seine Anwendung erscheinen aus der Perspektive der Rechtssoziologie als zeitgebundene gesellschaftliche Konstruktionen, die immer auch anders ausfallen könnten.
Die Übung vermittelt zunächst eine genauere Analyse soziologischer Grundbegriffe, mit deren Hilfe eine Antwort auf die Grundfrage der Soziologie, wie soziale Ordnung möglich sei, gegeben werden soll. Sie fragt dann nach der spezifischen Rolle des Rechts für die Gewährleistung sozialer Ordnung.
In einem weiteren Schwerpunkt sollen dann in der Übung einige Klassiker der Rechtssoziologie genauer kennengelernt werden (insb. Eugen Ehrlich, Karl Marx, Émile Durkheim, Max Weber, Niklas Luhmann, Jürgen Habermas).
Mittels ausgewählter Felder des Risikorechts sowie der ökonomischen Theorie des Rechts sollen dann die empirischen Rechtssoziologien exemplarisch zu Ihrem Recht kommen.
Schließlich vermitteln problembezogene Themeneinheiten wie „Kriminalität und Strafe“ oder „Gerichtsverfahren“, „Globalisierung“ und „transnationales Recht“ einen Einblick in spezifisch rechtssoziologische Themenfelder. 

Übung: "Dissens am Dienstag - Einübung in die Streitkultur"
Dr. May, Dr. Koenen
von 18.10. (14-tägl.), 18.00 - 20.00, IfS, R. 109

Soziale, politische, ökonomische und kulturelle Konflikte sind in den letzten Jahren wieder deutlicher sichtbar geworden. Trotzdem scheinen die entsprechende Bereitschaft und die Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit Gegenpositionen nicht zugenommen zu haben. Auch in Lehrveranstaltungen entsteht oft der Eindruck, dass klärende Kontroversen eher vermieden werden, dass wechselseitige Anpassung, Scheinkonsense und political correctness gesucht werden sowie ein unvermitteltes Nebeneinander unvereinbarer Positionen toleriert wird.
Die geplante Übung versucht dagegen, ‚Streitkultur’ zum Thema zu machen und zu demonstrieren. Jeweils zwei kurze Impulsreferate mit gegensätzlichen Standpunkten zu einem bestimmten Thema (z.B. ‚Bedingungsloses Grundeinkommen’) eröffnen alle 14 Tage die Sitzung. Auf der Grundlage vorher verschickter Literatur diskutieren dann die TeilnehmerInnen die präsentierten Standpunkte. Die jeweils nachfolgende Sitzung ist für die vertiefte Diskussion der Thematik, ihren Voraussetzungen und Konsequenzen reserviert. Dort ist auch Raum für weitere Präsentationen zum jeweiligen Thema. Insgesamt werden damit in diesem Semester ca. acht verschiedene (oft politische bzw. politisierte) Themen behandelt. Z.B. ‚Politainment in der Krise’ ‚Arbeitslosigkeit in Südeuropa’ ‚Gender’, ‚Europäische Einigung’, ‚Postdemokratie’, ‚Flüchtlinge’, ‚Schuldenkrise’ etc.. Zu allen Themen werden jeweils entsprechende Literaturen und weiterführende Diskussionshinweise angegeben.

Übung: "Niklas Luhmann"
Dr. Müller
Mittwoch, 12.00 - 14.00, IfS, R. 309

Es ist schon kurios, dass die Soziologie eines der anspruchsvollsten und innovativsten Theorieunternehmen im 20. Jahrhundert ausgerechnet der Arbeit eines ehemaligen Verwaltungsbeamten verdankt, der auch nur durch Zufälle und nur über Umwege in der Soziologie gelandet ist. Vielleicht ist das aber auch die Erklärung dafür, warum Niklas Luhmann ein Projekt vorantreiben konnte, das sich weder an Fachtraditionen noch an terminologische Gepflogenheiten halten musste. Klassische Grundbegriffe der Soziologie werden von Luhmann verabschiedet. Statt wie üblich von ‚Menschen‘, ‚Klassen‘ oder ‚Handlungen‘ ist bei ihm von ‚Autopoiesis‘ und ‚System‘, von ‚Funktion‘ und ‚Doppelter Kontingenz‘ die Rede. Dabei handelt es sich keineswegs um begriffliche Spielereien, vielmehr ist Luhmann der festen Überzeugung, dass man mithilfe eines anderen Vokabulars auch zu anderen, womöglich besseren Problembeschreibungen gelangt. Die methodologische Herausforderung, der er sich zeitlebens zu stellen versucht hat, erscheint dann auch nur auf den ersten Blick banal: eine Theorie zu entwerfen, der es gelingt, Normales für unwahrscheinlich zu erklären. Diese Theorie III-Übung möchte sich ein Semester lang mit dem Werk Niklas Luhmanns auseinandersetzen. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, wohl aber die Bereitschaft, sich auf die Lektüre anspruchsvoller Texte einzulassen.

Übung: "Michel Foucault"
Dr. Müller
Mittwoch, 14.00 - 16.00, IfS, R. 209

In dieser Theorie III-Übung werden wir uns ein Semester lang mit dem Werk Michel Foucaults auseinandersetzen. Vorkenntnisse sind dazu nicht erforderlich, wohl aber die Bereitschaft, sich auf die Lektüre anspruchsvoller Texte einzulassen.

Übung: "Umweltsoziologie 'Ökologische Kommunikation"
MA Göbl
Donnerstag, 14.00 - 16.00, IfS, R. 309

Die Übung wird eine vertiefende Einführung in die sozialwissenschaftliche Umweltforschung liefern. Ausgehend von der Fragestellung „ob sich die moderne Gesellschaft auf ökologische Gefährdungen einstellen kann“, werden wir beobachten, ob und unter welchen Bedingungen „Umwelt“ durch Irritationen, Resonanzen im Gesellschaftssystem auslösen vermag.
Aus wissenssoziologischer Perspektive gerät die Beziehung zwischen Natur und Gesellschaft in den Blick. Das Verhältnis von Wissen und Nichtwissen (Gefahren) wird im Zusammenhang mit neuen technologischen Entwicklungen wie beispielsweise Stammzellforschung, Gentechnologien, Lebensmitteltechnologien oder Hydraulic Fracturing thematisiert. Wir werden uns mit der Funktion von Moral in Gesellschaft beschäftigen und auf die Diskrepanz von Umweltbewusstsein und Umwelthandeln eingehen.
Die Übung soll die Möglichkeit bieten, aktuelle ökologische Problemlagen zu besprechen und diese vor dem Hintergrund gesellschaftstheoretischer Überlegungen zu reflektieren.

Übung: "Systemtheorie und Akteur-Netzwerk-Theorie"
MA Göbl
Donnerstag, 16.00 - 18.00, IfS, R. 309

Die Übung bietet eine vertiefende Auseinandersetzung mit zwei einflussreichen soziologischen Theorien. Einerseits beschäftigten wir uns mit der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) von Bruno Latour und andererseits werden wir uns eingehend mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann auseinandersetzen.
Es wird nicht darum gehen, einen Theorienvergleich anzustellen, vielmehr liegt der Fokus darauf, das theoretische und empirisch-forschungstechnische Potential der Konzeptionen herauszuarbeiten und für die weitere Forschung nutzbar zu machen.
Die Veranstaltung will ein vertiefendes Verständnis beider Theorien liefern und den soziologischen Gehalt der unterschiedlichen Theoriekonzeptionen aufzeigen.

Übung zur Bachelor- und Masterarbeit am LS Prof. Dr. Armin Nassehi
MA Göbl
Blockveranstaltung, siehe LSF, R. 308

Entsprechend der unterschiedlichen Theorie und Methodenperspektiven der Lehrbereiche finden Abschlussübungen statt. Hier stellen Absolventinnen und Absolventen ihre Abschlussarbeiten zum jeweiligen Bearbeitungsstand vor. In der Gruppe werden die Untersuchungen und ihr Fortgang diskutiert. Dabei stehen je nach Stand der Arbeit Fragen der Themenspezifikation, Wahl der Methode, des strukturellen Aufbaus, der Literaturauswahl und schließlich der Interpretation der Ergebnisse im Vordergrund. Zudem behandelt die Übung weiterführende Literatur zu den Themenbereichen der Abschlussarbeiten. Die von den Studierenden zu haltenden Vorträge ermöglichen die Festigung der eigenen Präsentationskompetenz und schulen die Fähigkeit zur Argumentation. Die anschließende Diskussion hilft, den eigenen Forschungsprozess kritisch zu reflektieren. Wesentliche Arbeitsschritte des wissenschaftlichen Arbeitens werden semesterbegleitend vertieft.

Übung: "The lost 'Gemeinschaft': Is there something wrong with modern society?"
Blockveranstaltung
Dr. Schirmer

In his seminal book “Bowling alone” Robert Putnam has warned of the loss of social capital, the sense of caring for one another, and the general decline of communities in modern society. This course will investigate the tension between what the classic sociologist Ferdinand Tönnies called Gemeinschaft and Gesellschaft, i.e. the tension between community and society: is there something inherently wrong with modern society that was “better” in the community-based society of the past? If so, how could this be remedied? We will deal with a wide array of empirical topics ranging from loneliness among older people, identity politics of ethnic/racial, religious, and sexual minority groups, casual community formations in the context of current political issues (such as the current refugee crisis), intimate relations of the generation Y, the rise of online and social media communities, local sharing economies, new attempts to reciprocity communities, to communities in organizations. Drawing on classic and contemporary literature from sociology and neighbouring disciplines, the aim of the course is to carve out common denominators and general patterns from these seemingly different social realms and analyse them with the help of leading strands of social theories, such as systems theory, actor-network theory and others. This course will take place in English but don’t worry, basic English speaking skills will suffice ☺. Watch out for irregular session times in the schedule!

Termine:

1. Wednesday 19th Oct 13.00-15.00 (Introduction) 2. Wednesday 2nd Nov 12.00-16.00 3. Tuesday 15th Nov 18.00-20.00 4.+ 5. Wednesday 16th Nov 12.00-16.00 6. Tuesday 6th Dec 18.00-20.00 7.+8. Wednesday 7th Dec 12.00-16.00 9. Tuesday 20th Dec 18.00-20.00 10.+11. Wednesday 21st Dec 12.00-16.00 12. Tuesday 17th Jan 18.00-20.00 13.+14. Wednesday 18th Jan 12.00-16.00 Übung: „Theorie III – Durkheim“

Dr. Atzeni
Mittwoch, 16.00 – 18.00 Uhr, IfS, R. 309

Émile Durkheim ist einer der Gründerväter der Soziologie und hat sich wie kaum ein anderer um die akademische Etablierung des Fachs verdient gemacht; eines seiner zentralen Anliegen war es, die Soziologie als eigenständige Wissenschaft zu begründen. Was Durkheim unter dem Sozialen verstand, welche Vorgehensweisen er zur Erforschung sozialer Sachverhalte wählte und wie er damit nicht nur die Soziologie, sondern auch allgemeine, zum Teil bis heu-te wirkmächtige, Begriffe und Ideen prägte, wollen wir im Kurs anhand seiner Texte diskutie-ren.

Übung: „Theorie III – Max Weber“
Dr. Atzeni
Mittwoch, 10.00 – 12.00 Uhr, IfS, R. 308

Max Weber ist wahrscheinlich der bekannteste Soziologe überhaupt und so verwundert es kaum, dass bis heute die Weber-Exegese einen hohen Stellenwert in unserem Fach hat. Auch der Kurs will zunächst zur intensiven Lektüre Weberscher Texte, mit einem Schwerpunkt auf den religionssoziologischen Arbeiten, einladen. Die religionssoziologischen Texte eigenen sich dazu besonders gut, da sie auf inhaltlicher, methodischer und nicht zuletzt auch auf litera-rischer Ebene besonders gut die Gründe für Webers Bekanntheit und Einfluss nachvollziehbar machen. Neben der fachgeschichtlichen Bedeutung der kanonischen Texte wird jedoch bis-weilen übersehen, danach zu fragen, was man für heutiges soziologisches Arbeiten von Max Weber lernen kann. Dies zu erörtern ist ebenfalls ein zentrales Anliegen des Kurses.

Übung: "SocialMedia-Plattformen – eine theoretische und praktische Überprüfung / soziologische Analyse"
Dr. Dirr
Blockveranstaltung, Termine siehe LSF 

Facebook, Youtube, Twitter und Co. bestimmen einen beträchtlichen Teil unserer Alltags und haben die Möglichkeiten der Kommunikation maßgeblich verändert. Es lohnt sich deshalb, SocialMedia Plattformen kritisch hinsichtlich ihrer Kommunikationsstrukturen und -Leistung zu betrachten. Die wissenschaftliche Analyse von SocialMedia Plattformen ist gerade für die Soziologie ein viel versprechendes Forschungsgebiet. Allerdings sehen sich Forscher immer wieder mit Problem der methodischen Datenerfassung und – Auswertung von SocialMedia-Daten konfrontiert. Die in der Übung verwendete Methode hat den Anspruch genau dieses Problem zu lösen. Die Übung soll eine neu entwickelte Methode auf ihre theoretische und praktische Aussage-kraft hin kritisch prüfen. Hier wird im Speziellen die systemtheoretische Rahmung nach Luhmann genauer betrachtet, sowie die Methode in der Praxis konkret angewendet.
Die Ziele sind:
1. Prüfung der theoretischen Rahmung:
– Unterschied zwischen Verbreitungs- und Erfolgsmedien, sowie die Übertragung auf SocialMedia
– Kommunikationsstrukturen und – Leistung auf SocialMedia Plattformen
2. Empirische Anwendung:
– Datenerfassung verschiedener SocialMedia Plattformen anhand eines Fragebogens
– Auswertung der Daten anhand einer Analyse-Methodik
Zusammenführung und kritische Reflektion der Forschungsergebnisse

Forschungspraktika: 

Qualitatives Forschungspraktikum: "Übersetzungskonflikte – Perspektivendifferenzen der modernen Gesellschaft erforschen"
Dr. Demszky, Dipl.-Soz. Mayr, Dipl.-Soz. Barth
Mittwoch, 14.00 - 18.00, IfS, R. 208

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Multiperspektivität eine basale Erfahrung ist (Nassehi 2015). Diese Komplexität von Lebensumständen und Strukturen begleitet uns in unserem tagtäglichen Leben. Je nach Kontext sind wir daran gewöhnt, dass jeweils andere Funktionsweisen, andere Plausibilitäten und andere Logiken am Werk sind. Die Funktionssysteme Politik, Wissenschaft, Wirtschaft oder Religion gehorchen beispielsweise unterschiedlichen Logiken, die zwar aufeinander Bezug nehmen müssen, ohne jedoch miteinander versöhnt werden zu können. Unsere Welt ist nicht mehr im Singular, sondern nur im Plural denkbar. Diese Komplexität wird dabei oft als Unübersichtlichkeit und Widersprüchlichkeit erfahren. Es ist schwer nachzuvollziehen, warum Politik nicht auf den guten Rat wissenschaftlicher Experten hört oder warum sich keine ökologisch und sozial vertretbare Weltwirtschaft einrichten lässt. Dabei ist es vor allem in institutionellen Settings wie Organisationen unvermeidbar, dass diese Perspektiven in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit aufeinanderprallen. Das Forschungspraktikum wird diese Übersetzungskonflikte anhand von 2 Fallstudien zu gesellschaftspolitisch brisanten Themen untersuchen: Der Problematik der Integration von Flüchtlingen, sowie der organisatorischen Allokation von Spenderorganen. An beiden Themen lässt sich studieren, wie um praktische Lösungen gerungen wird, ohne allen Problemgesichtspunkten gleichermaßen gerecht werden zu können.
Ziel des Forschungspraktikums ist es, die Studierenden in die Lage zu versetzen, gesellschaftstheoretische Fragestellungen selbst in empirische Forschung zu übersetzen. Dazu sollen grundlegende sozialwissenschaftliche Verfahren zur Datenerhebung und deren Analyse mithilfe einer systemtheoretisch informierten Hermeneutik im Rahmen eines aktuellen Forschungsprojekts des Lehrstuhls Nassehi eingeübt werden (Interviewführung, Dokumentenanalyse, teilnehmende Beobachtung). 

Weitere Informationen zur DFG-Forschungsprojekt „Übersetzungskonflikte“ finden Sie unter:
http://www.uebersetzungskonflikte.soziologie.uni-muenchen.de/index.html